univie 3/2020 SCREEN - Seite 12



SCHWERPUNKT
GESUNDHEITSBEWUSSTSEIN UND
LEBENSSTILE IN ALLER WELT: EIN- UND
AUSBLICKE VON ALUMNI
»
Tatsächlich aber schafft es nur jede(r)
Vierte, die empfohlenen Bewegungseinheiten von 150 Minuten in der Woche zu
realisieren.
IM LAND DER XXL-PORTIONEN
„Amerika ist ein Land der Extreme. Einerseits herrscht in bestimmten
Kreisen und Gegenden ein wahrer Fitness- und Ernährungswahn, wie es
ihn in Europa in vergleichbarer Form nicht gibt. Wird ein Lebensmittel als
,gesund‘ identifiziert, dann ist es mit Sicherheit binnen kürzester Zeit in
aller Munde. In gebildeten, reichen, städtischen Schichten kann die Auswahl der ,richtigen‘ Lebensmittel und Ergänzungsprodukte gar nicht elitär
und teuer genug sein. Fitnessstudios boomen landauf, landab. Der Kontrast
zur Lebensrealität der überwiegenden Mehrheit der US-Amerikaner, die
von fettem, ungesundem Essen in viel zu großen Portionen und den daraus
resultierenden enormen Raten von Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen und ähnlichem gekennzeichnet ist, könnte allerdings größer nicht sein.
GENE ODER LEBENSSTIL. Grundsätzlich
Einem dieser Phänomene sind Wagner
und sein Team bereits auf der Spur: dem
Bilirubinstowechsel. Ein erhöhter Bilirubin-Spiegel macht sich an der typisch
gelblichen Haut bemerkbar und wird, im
Extremfall, mit Gelbsucht in Verbindung
gebracht. Wagner konnte beweisen, dass
moderat erhöhte Bilirubin-Werte aber
nicht unbedingt schlecht für den Menschen sind. Die Betroenen sind schlank,
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Meiner Ansicht nach ist es in den USA besonders schwierig, tatsächlich
gesund zu leben. Bio-Lebensmittel sind um ein Vielfaches teurer als regulär hergestellte Lebensmittel und außerhalb der urbanen Zentren oft auch
schwer erhältlich. Ein verschwindend geringer Teil der Landwirtschaft produziert biologisch. Im Supermarkt erhältliche (Fertig-)Produkte enthalten
oftmals eine Vielzahl an versteckten Zutaten. Dort Brot ohne Zuckerzusatz
zu finden, ist unmöglich, man wird nur bei High-End Bäckereien fündig.
Generell enthalten alle Lebensmittel ein Vielfaches an Zucker und Salz als
vergleichbare Produkte in Österreich. Die Portionen in Restaurants sind
immer zu groß, besonders außerhalb von New York, San Francisco oder
ähnlichen ,Inseln des Bewusstseins‘, nehmen Speisen in Restaurants oftmals geradezu obszöne Größen an, von den Trinkbechergrößen ganz zu
schweigen. Hinzu kommt ein Lebensstil, der für DurchschnittsamerikanerInnen im täglichen Leben praktisch keine Bewegung mehr vorsieht.
Ein paar Schritte aus der Küche in die Garage, mit dem Auto bis
direkt in die Arbeit, am Abend nach Hause zurück.
Das präventive Potenzial von Ernährung werde stark unterschätzt,
sagt der Ernährungswissenschafter Karl-Heinz Wagner.
ihre Cholesterinspiegel und Entzündungswerte geringer und sie scheinen
vor altersabhängigen Risikofaktoren
geschützt. „Bilirubin ist ein klinischer
Marker für ein längeres und gesünderes
Leben.“ Wie sich dieses Phänomen von
außen beeinflussen lässt, sodass man
gezielt davon profitieren kann, muss
noch erforscht werden. Bilirubin ließe
sich jedenfalls nicht einfach als Nahrungszusatz aufnehmen, zu viel davon
würde toxisch wirken, so Wagner.
KLEINSTE HELFER. Ein weiterer Erklärungsansatz, um zu verstehen, warum
jemand fettleibig wird oder eben nicht,
das Risiko für bestimmte Krankheiten in
sich trägt, an Ängstlichkeit oder Depressionen leidet, kommt aus einem anderen
Forschungslabor am Department für
Mikrobiologie und Ökosystemforschung. Hier sind die WissenschafterInnen um Michael Wagner (Achtung,
Namensvetter!), Alexander Loy und
David Berry kleinsten Mikroorganismen
auf der Spur, die unseren Körper bewohnen. Mit Gesundheit in Verbindung
gebracht werden vor allem die Bakteriengemeinschaften in unserem Darm, in der
Fachsprache Darmmikrobiom genannt.
Manche bezeichnen das Darmmikrobiom sogar als neues Organ, schließlich
macht es rund 200 Gramm in unserem
Körper aus. „Krankheiten sind teilweise
FOTOS: SHUTTERSTOCK/OLEKSANDRA NAUMENKO • SHUTTERSTOCK/ KAISSA • PRIVAT
nehme das Gesundheitsbewusstsein zu,
nur die Möglichkeit der Umsetzung fehle
häufig, sagt Karl-Heinz Wagner und
weiß, wovon er spricht. Sich nach einem
ausgefüllten Arbeitstag noch auf den
Heimtrainer zu setzen oder Laufen zu
gehen, ist schon rein zeitmäßig eine
Hürde. Dabei weiß die Wissenschaft,
dass rund 30–35 % der Krebserkrankungen lebensstilbedingt entstehen und vor
allem Dickdarm- und Brustkrebs stark
mit Bewegung zusammenhängen.
Warum fällt uns der gesunde Lebenswandel trotzdem so schwer? „Wir suchen
immer nach Optimierung, aber nur nach
außen hin. Eigentlich möchten wir so
weiterleben, wie wir leben, und eine Pille
nehmen, die dann alle Sünden wieder
verschwinden lässt – nur diese Pille wird
es nie geben“, ist Karl-Heinz Wagner
überzeugt. Und jetzt die gute Nachricht:
Der Phänotyp, also wie wir leben, uns
ernähren und bewegen, spiele eine größere Rolle als der Genotyp, d. h. die genetische Anlage. „Generell wissen wir aber
noch viel zu wenig darüber, welche Veränderungen im Körper die Gesundheit
steuern, damit wir zum Beispiel sehr alt
werden“, so Wagner.
Gesundheit kommt für mich nicht aus dem Labor, sondern aus dem Lebenswandel. Wenn es um medizinische
Fortschritte geht, etwa bei der Bekämpfung von Krankheiten, bei der künstlichen Nachzucht von Körperteilen
oder ähnlichem, sehe ich natürlich eine große Rolle für
die medizinische Forschung und das Labor. Die tagtägliche Gesundheit muss aber anders gesichert werden.
Gegen zu viel Fett, zu wenig Bewegung und zu wenig Schlaf helfen
auch Pillen nichts.“
Mag. Philipp Charwath, Alumnus der
Geschichte, Anglistik und Amerikanistik,
New York, USA
Ständige Vertretung Österreichs
bei den Vereinten Nationen
schon sehr gut erforscht, aber den
Aspekt des Mikrobioms hat man
bisher einfach nicht genügend
beachtet“, sagt Michael Wagner.
Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Depressionen oder auch
Autismus werden auch in Zusammenhang mit Störungen des Mikrobioms gesehen. Erst seit Kurzem weiß
man zum Beispiel, dass bestimmte
Darmbakterien Fettleibigkeit fördern
und andere wiederum davor schützen.
So kann anhand des Darmmikrobioms
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