univie 3/2020 SCREEN - Seite 15



SCHWERPUNKT
SCHWERPUNKT
wird nun auch für entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und
viele weitere Krankheiten untersucht. Da
das Darmmikrobiom jedes Menschen
unterschiedlich ist, ist aber die Auswahl
passender Spender für die Fäkaltransplantation oft noch Glücksache. „In diesem Zusammenhang könnte die Archivierung der eigenen Darmbakterien, aus
gesunden Zeiten, künftig gängige Praxis
werden“, nimmt Michael Wagner an.
Für den Mikrobiologen liegen besonders
erfolgversprechende Ansätze in nicht
mehr allzu weiter Ferne. In naher Zukunft
werde es personalisierte Designer-Probiotika geben, mit denen wir unser
Darmmikrobiom gezielt beeinflussen
können. „Wenn einmal die zentralen
Funktionen der Darmbakterien aufgeklärt sind, können aus den wichtigsten
Stämmen hocheziente Probiotikacocktails zusammengestellt werden.“
ITALIENISCHER KÜCHENPATRIOTISMUS
Die Gesundheitsvision aus dem Labor wäre nach meiner Vorstellung
eine ,Reset-Pille‘, die den Körper wieder in eine ausgeglichene Basis
zurückführt, auf deren Signale man vertrauen
und mit deren Hilfe man seine Gesundheit
wieder überwiegend selbst in die Hand
nehmen kann.“
Mag. Cornelia Führer, BA, Alumna der
Ernährungswissenschaften und Deutschen
Philologie, Ancona, Italien
Selbstständige Ernährungsberaterin
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auch erstaunlich zuverlässig vorhergesagt werden, wie erfolgreich eine Diät
anschlagen wird.
Während man für eine Reihe von Krankheiten schon mit Sicherheit sagen kann,
dass das Mikrobiom eine kausale Rolle
spielt, hat man bei anderen Erkrankungen erste Korrelationen entdeckt, weiß
aber noch nicht im Detail, wie die
Zusammensetzung der Darmbakterien mit dem Ausbruch bestimmter Erkrankungen zusammenhängt. Für den Mikrobiologen
steht fest: Die Mikrobiomforschung ist eines der Top-Themen
der nächsten 100 Jahre. „Wenn
wir das verstehen, sehe ich darin
das Potenzial, unser Leben nachhaltig zu verändern.“
DESIGNER-PILLE. Ernährung genauso
wie Reisen, Sport oder die Einnahme
von Antibiotika verändert unser Darmmikrobiom. Wie wir es allerdings gezielt
beeinflussen können, um bestimmte
Erkrankungen zu vermeiden oder zu
heilen, wird noch erforscht. Doch schon
jetzt fällt dabei bereits der ein oder
andere Therapieansatz ab. Dann nämlich, wenn Kranke von den Darmbakterien eines gesunden Menschen profitieren – die Fäkaltransplantation mag nicht
besonders verlockend klingen, wirkt
aber. So können unter Umständen
lebensbedrohliche Durchfallerkrankungen durch Clostridium dicile, die häufig nach Einnahme von Antibiotika auftreten, durch Einführung eines gesunden
Darmmikrobioms sehr erfolgreich
geheilt werden. Dieser Therapieansatz
Univ.-Prof. Karl-Heinz
Wagner, Ernährungswissenschafter, Uni Wien
Univ.-Prof. Michael
Wagner, Mikrobiologe,
Uni Wien
Dr. Karl Krajic
Gesundheitssoziologe
FORBA, Privatdozent an
der Uni Wien
»
Die Bakteriengemeinschaft in unserem Darm, Darmmikrobiom genannt, ist essenziell für unsere Gesundheit.
Erst seit Kurzem weiß man, dass bestimmte Darmbakterien Fettleibigkeit fördern, während andere wiederum davor schützen.
FOTOS: PRIVAT (3X) MONTAGE: SHUTTERSTOCK/NAMTIPSTUDIO, MUH SAHAL MAHADI
Da Italien wohl das Land mit dem stärksten ,Küchenpatriotismus‘ überhaupt ist, drehen sich weit mehr Gespräche und Diskussionen um das
Thema Essen, als ich es aus Österreich gewohnt bin.
Dabei stehen die Tradition, der Geschmack, der Genuss und die Zubereitung im Vordergrund. Essen wird hier noch zelebriert und dient dem
gesellschaftlichen Austausch. Exotische Küchen fassen zwar schrittweise Fuß, jedoch steht die Tradition an erster Stelle.
Gesundheitsbewusstsein ist natürlich vorhanden, geht jedoch mit
der mediterranen Ernährungsweise Hand in Hand: Gesundheitsbewusstsein ja – Genuss jedoch umso mehr.
Grundsätzlich ist ein gesunder Lebensstil hier sehr einfach
durchzuführen. Es gibt Obst und Gemüse in Hülle und
Fülle, natürlich regional und saisonal, immer auch biologisch. Durch die Lage an der Adriaküste stehen Fisch und
Meeresfrüchte häufig auf dem Speiseplan. Durch das
meist gute Wetter und viele Sonnenstunden ist tägliche
Bewegung an der frischen Luft leicht machbar und wird
auch entsprechend gelebt. Vollkornprodukte bilden nach
wie vor die Minderheit bei Brot, Pasta und Mehl, jedoch sind
sie fast überall erhältlich, oft auch in biologischer Ausführung,
allein die Auswahl ist nicht besonders groß. Aufgrund einer
mangelnden ausgewogenen Frühstückskultur sind aber vor allem
Cerealien wie Haferflocken, Dinkel oder Roggen sowie zuckerfreie
Müslisorten rar und teuer.
Auch der vegane Trend beginnt langsam Fuß zu fassen, jedoch kommt
die Welle wesentlich langsamer als in Österreich oder Deutschland,
daher ist die Auswahl an veganen Produkten nach wie vor etwas
spärlich. Spannend finde ich, dass zwar an traditionellen Gerichten
festgehalten, jedoch mit gesunden Alternativen experimentiert wird,
so ist beispielsweise ein Angebot an Dinkel-, Vollkorn- oder Hanfpizza
in der Pizzeria um die Ecke keine Seltenheit.
»
FOTOS/MONTAGE: SHUTTERSTOCK/STOCKFORLIVING, VESNA CVOROVIC • SHUTTERSTOCK/RUFAT KHAMED • PRIVAT
„Für mich spielt gesunde Ernährung eine sehr große Rolle, da ich
Ernährungswissenschaften studiert habe und als Ernährungsberaterin
tätig bin. Ich versuche mich täglich selbst in meiner Lebensmittelvielfalt weiterzuentwickeln und auf dem neuesten Stand zu bleiben.
Seit ich in Italien lebe, hat sich vor allem meine Auswahl an Lebensmitteln geändert, einige ,neue‘ Nahrungsmittel musste ich in ihrem
Nutzen und ihrer Verwendung erst kennenlernen. Dadurch ist meine
Küche nun weitaus vielfältiger als früher.
GESELLSCHAFTLICHER UMGANG. Dass
Gesundheit nicht einfach ein Gottesgeschenk oder ein natürliches Ereignis ist,
sondern zum Großteil etwas Gemachtes,
wird auch klar, wenn man einen kurzen
Blick zurück in die Medizin- und Sozialgeschichte wirft. Maßnahmen zur Förderung der öentlichen Gesundheit Mitte
des 19. Jahrhunderts, wie verbesserte
Hygiene, aber auch bessere Arbeits- und
Lebensbedingungen allgemein, ließen die
durchschnittliche Lebenserwartung rasch
von knapp unter 40 auf 55 Jahre steigen.
Die großen technologischen Fortschritte
im 20. Jahrhundert und vor allem die
Entwicklung einer naturwissenschaftsbasierten, klinischen Medizin trieben die
Lebenserwartung und Lebensqualität
weiter voran – von 40 Jahren zu Beginn
auf 75 Jahre am Ende des 20. Jahrhunderts. „Man kann an dieser Stelle sehen,
dass Gesundheit in einem hohen Maße
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